Kapitel 1: Politik und Menschlichkeit

Eine mehrteilige Blogserie über meine Zeit in der Flüchtlingshilfe. Die Namen in diesem Artikel wurden aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen geändert. Der Artikel spiegelt lediglich die privaten Ansichten des Autors wider.

Mein erster Arbeitstag im Winter 2015 begann mit einer Entschuldigung. Ich kam knapp eine Stunde zu spät auf die Arbeit, da ich den verflixten Eingang der Kaserne nicht fand. Ein riesiges Areal, das zehn Jahre zuvor noch fünftausend US-Soldaten ihr „home away from home“ nannten. Eine Kleinstadt für sich.

Toll, das macht ja einen suuper guten Eindruck. Ich platzte mitten in die Teambesprechung.

„Sorry für die Verspä….“. Ich wurde unterbrochen.

„Jaja, passt schon. Wie sieht es aus mit Zahnbürsten? Hat jemand an die Zahnbürsten gedacht?“

„Ähm ja. Die sind da. Irgendwo. Ich kümmere mich drum. Dann überlegen wir uns einen Plan, wie diese verteilt werden. Wir sollten sie zentral lagern.“

„Gut.“

Es fiel keinem auf, dass ich zu spät war.

Einige Kolleginnen und Kollegen hatten schon eine Woche vor mir mit der Arbeit begonnen. Sie hatten in Windeseile und unter großem Zeitdruck schon einmal das Nötigste bereitgestellt. Hatten hunderte Betten aufgebaut. Die Großküche installiert. Übersetzer für Arabisch, Farsi und unzähligen anderen Sprachen organisiert. Den Verwaltungstrakt eingerichtet. Die ersten Spenden für die Kleiderkammer einsortiert. Relativ schnell merkte ich, dass das kein normaler 08/15-Verwaltungsjob sein würde.

Es gab in den darauffolgenden Monaten keine Zeit für politische Diskussionen über Angela Merkels Entscheidung, hunderttausende Refugees ins Land zu lassen. Falls man in dieser Zeit doch mal in seiner Müdigkeit nach Feierabend in den nächtlichen Talkshows herumzappte, schaltete man dies mit einem Seufzen wieder aus: diese Schwachköpfe reden über Dinge, über die sie keine Ahnung haben.

Das groß versprochene Wir Schaffen Das hing an uns. Und wir wussten es. Als Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (EAE) bestand unser Job in der Beherbergung, Versorgung und Betreuung der ersten Flüchtlingswellen, die in unser Land schlugen. Wellenbrecher sozusagen. Das zumindest die offizielle Jobbeschreibung, die man uns übertrug.

„Willkommen im Chaos, Junge. Ich liebe es!“ sagte Tarik, als er mir seine Hand gab.

Tarik.

Der uniformierte afrikanische Security-Chef mit freundlichem Gesicht. Stämmig, mittvierzig, Halbglatze. Perfektes Deutsch.

„Komm, ich mach dir den besten Tee, den du jemals getrunken hast. Marokkanischen Minztee mit Kardamom.“

Er würde Flüchtlingen für viele Belange zur ersten Ansprechperson werden – da er fließend arabisch sprach, die kulturellen Gepflogenheiten kannte und durch seine väterliche Art Ruhe in Situationen brachte, wie kein anderer. In den darauffolgenden Wochen entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen uns.

Es gab viel Gesprächsstoff: ich, der Amerikaner. Er, der gläubige Moslem. Wir redeten über unsere Weltanschauungen, über Gewalt und Krieg. Über Liebe. Familie. Was es bedeutet, ein Mann zu sein. Über den Umgang mit traumatisierten Menschen. Wie man mit seiner Wut über Ungerechtigkeit in der Welt umgeht, die mich so oft überkam. Sein viel zu süßer Minztee war oft das einzige, was mich davon abhielt, den Job zu schmeißen.

Habibi, mach mal ne Pause. Lass uns reden.

Als Sachbearbeiter wurde ich angestellt, mit einem mehrköpfigen Team das Flüchtlingscamp organisatorisch aufzubauen und sicherzustellen, dass alles reibungslos funktionierte. Und das 24 Stunden am Tag. Impfaktionen organisieren. Mit Hilfe der Bundeswehr die Flüchtlinge registrieren. Sich mit Hilfe von Dolmetschern die Sorgen und Nöte unserer Bewohner anhören. Die Organisation der Kleiderausgabe in die Hand nehmen.

Viele Flüchtlinge waren in einem wahrlich desolaten Zustand, als sie uns erreichten: übermüdet von ihrer Reise und nur wenige Tage oder Wochen in Deutschland. Viele mit den wenigen Habseligkeiten, die sie tragen konnten. Junge Männer, die nur mit Flipflops und Handy durch Europa reisten. Man sah den Menschen oft direkt an, aus welchem Land sie geflohen sind und welchen sozialen Status sie dort zurückließen. Arme Menschen, die in ihrem Heimatland Haus und Hof ruckartig verkaufen mussten, um das nötige Kapital für die Flucht auftreiben zu können. Aber auch gut situierte Familien, die per Flugzeug in Deutschland antrafen. Was alle gemeinsam hatten: sie hatten auf unterschiedlichster Art und Weise einen sehr hohen persönlichen Preis gezahlt, um uns zu erreichen.

Und Kinder. So viele Kinder.

Eine wesentliche Aufgabe bestand darin, die Menschen zu beruhigen und ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie in Sicherheit sind und keine Angst mehr haben müssen.

Ihnen bei ihrer ersten europäischen Grippe erklären, dass sie nicht todkrank sind. Oder schwarzen Flüchtlingen versichern, dass wir sie – wie sie es so oft in ihrem Land anders erlebt haben – nicht diskriminieren und übervorteilen. Dass sie zu jeder Tag- und Nachtzeit unser Medical-Center aufsuchen können, ohne etwas gegenleisten zu müssen. Dass sie Lebensmittel nicht unter ihrem Bett horten müssen, da wir genug für sie haben.

Jeder war auf seine eigene Art traumatisiert. Viele konnten es gut verkraften, manche weniger. Während manche mit Depressionen rangen und es kaum aus dem Bett schafften, blieben andere tagelang wach und liefen wie schlaftrunken umher. Nicht zu wissen, wie es in Deutschland weitergeht, was die nächsten Schritte sind und nicht zu wissen, ob sie jemals wieder das Gefühl von Zuhause sein erleben werden.

Durch die Masse der Flüchtlinge waren wir zu Anfang nicht auf die psychologischen Bedürfnisse der Traumatisierten vorbereitet. Diejenigen von uns, die Erfahrung aus dem sozialen Bereich mit sich brachten, wussten, wie schlecht es bereits schon vor der Flüchtlingskrise um therapeutische Maßnahmen in Deutschland stand. Also taten wir unser Bestes. Es war nicht immer leicht mit den Symptomen von Traumata der Geflüchteten umzugehen: blanke Aggression und Gewalttätigkeit, Familienkonflikte, Lügen, Suizidgedanken, Resignation, Stimmungsschwankungen und Isolation.

In Gesprächen mit Kollegen aus anderen Flüchtlingseinrichtungen stellte sich für mich heraus, dass jeder, der sich für Flüchtlinge engagiert hat, mit diesen Herausforderungen zu tun hatte. Und dass es hier weniger um die Kultur oder Religion der Flüchtlinge handelte, sondern die (natürliche) Reaktion mancher Menschen zum Vorschein kommt, die nicht verarbeiten konnten, was ihnen geschah.

Smartphones waren für viele ein Rettungsanker und haben viele Flüchtlinge vor dem psychologischen Zusammenbruch bewahrt. In persönlichen Gesprächen mit Refugees wurde mir oft erläutert, wie sehr ihnen die Menschen fehlen, die sie zurücklassen mussten. Wie besorgt sie um ihre Familie sind und wie sehr sie vom schlechten Gewissen geplagt sind, gefühlt ihre Lieben im Stich gelassen zu haben.

Bei einem durchschnittlichen Schleuserpreis von 5.000 Euro pro Kopf war es schlichtweg nicht allen möglich, den Weg nach Europa einzuschlagen. Also hingen sie am Smartphone, Tag und Nacht. Gaben ihr Geld für wiederaufladbare Sim-Karten aus. Es kam teils zu großem Streit, wer wann welche Steckdosen benutzen darf – so weit, dass man feste Regeln aufstellen musste.

Per Smartphone erhielten sie neuesten Nachrichten aus der Heimat. Wie es dem kranken Onkel geht. Ein kurzer Videochat mit der Mutter, der hoffentlich nicht zu viel Datenvolumen verbrauchte. Geburtstagsgrüße. Bilder von der Freundin, die sich in Schweden befand. YouTube mit alten Heimatliedern. Facebook-Nachrichten, um den Cousin zu finden, den man auf der Reise aus den Augen verloren hat. Jedes Smartphone war ein Stück Heimat, in der man sich zurückziehen und seine Sorgen vergessen konnte. Dank einer örtlichen, gemeinnützigen Freifunk-Gruppe konnten wir den Flüchtlingen relativ schnell ein kostenloses WLAN-Netz einrichten und wurden gefeiert wie Helden. Es hat vieles an unserer Arbeit erleichtert.

Aber nicht immer.

Ich musste dabei live zuhören, wie russische Flugzeuge Bomben auf das kleine syrische Dorf warfen, in denen ein Flüchtling noch Familie hatte. Er hielt mir das Samsung Handy ans Ohr, damit ich Zeuge sein konnte. Und Obama zum Einschreiten überzeugen soll, da ich doch amerikanischer Staatsbürger sei.

Wie soll ich mit so etwas umgehen?

Habibi, mach mal ne Pause. Hier, ein Minztee. Lass uns reden.

In dieser Anfangszeit mit den Flüchtlingen ist an mir aufgrund der großen Arbeitslast vieles vorbeigegangen. Erst später bekam ich mit, wie hitzig und dauerpräsent die Diskussion um Flüchtlinge in den Medien geführt wurde. Was an Silvester in Köln geschah. Die Ausschreitungen in Heidenau. Wie die Stimmung kippte. Der rasante Aufstieg der AfD. Die Verhandlungen mit der Türkei, die Flüchtlingswelle einzugrenzen. Die Politisierung der Menschen, mit denen ich tagtäglich zu tun hatte. Es hätte mir wahrscheinlich das Herz gebrochen, wie verallgemeinernd unsere Gesellschaft in dieser Zeit wurde.

Professionalität im Umgang mit Flüchtlingen, egal welcher Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Fluchtgrund war für unser Team das höchste Gut. Und ich kann ernsthaft mit Stolz behaupten, dass wir unseren Teil zum Wir Schaffen Das mit Bravur gemeistert haben.

Es ist dennoch schwer nach 18 Monaten Flüchtlingsarbeit gewisse Menschen nicht in Erinnerung zu halten.

Ich erhielt neulich eine Freundschaftsanfrage via Facebook von Herrn Al Saiid, einem Iraker, der mit seiner Familie Asyl in Deutschland beantragte und den ich in meiner Zeit in der EAE kennenlernen durfte. Ein Mann, der vor seiner Flucht einen hohen gesellschaftlichen Status in seiner Stadt genoss. Hoch gebildet, mit perfekten Englischkenntnissen. Ein guter Vater, der sich viel Respekt unter unseren Mitbewohnern verdiente.

Er schrieb mir, um sich bei mir für die Arbeit zu bedanken und sich zu verabschieden, da sein Asylantrag abgelehnt wurde und er innerhalb weniger Wochen in den Irak zurückmusste. Daraus ist nun zwischen uns eine Freundschaft entstanden, die über Länder und kulturelle Grenzen hinausgeht. Ich schreibe über meine Familie. Er darüber, wie neulich seine Tochter geheiratet hat. Und wie sehr er mich vermisst. Ich über meinen Zorn, dass die Politik es nicht zulässt, dass er ein neues Leben bei uns aufbauen darf.

Vor wenigen Tagen schrieb er mir folgendes:

„It would be a great honor for us if you visited Iraq. Believe me, we love you so much. There is a big difference between politics and humanity….“ Herr Al Saiid, per WhatsApp, 18. April 2017

Diese Einstellung möchte ich für mich persönlich behalten, dass es einen Unterschied zwischen Politik und Menschlichkeit gibt. Und dass es leider oft Dinge gibt, in denen beide in Zwietracht miteinander liegen. Ich bin viel zu unerfahren, um in politischen Dingen mitreden zu können. Und viel zu beschäftigt, hitzköpfig und ungeduldig. Über die Flüchtlingsarbeit in dieser Zeit jedoch kann ich reden. Es wird auch Zeit, darüber zu erzählen.

Bevor ich jedoch anfange, mache ich mir erst mal einen Minztee.

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3 Gedanken zu “Kapitel 1: Politik und Menschlichkeit

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